Alle Spannungen im menschlichen Miteinander kreisen um Grenzen. Territoriale Linien, an denen sich Kriege entzünden; Belastungsgrenzen im Beruf und in der Care-Arbeit; Grenzen des Wachstums in der Wirtschaft; athletische Leistungsgrenzen im Stadion; persönliche Grenzen, die unsere Identität und Autonomie schützen, aber auch durchlässig bleiben müssen, damit wir unsere Komfortzone verlassen und miteinander in Beziehung treten. Viele dieser unterschiedlichen Grenzen werden schon in der Bibel thematisiert. In der Lutherübersetzung taucht das Wort knapp 150-mal auf.
Und dann ist da die Sprache: jene Grenze, die zugleich unser größter Möglichkeitsraum ist. Ludwig Wittgenstein sah in ihr die eigentliche Schwelle unserer Welt. Wir denken nur so weit, wie unsere Begriffe reichen – und unsere Imagination wächst nur, wo einige den Mut aufbringen, den kollektiven Begriffshaushalt zu hinterfragen und zu erweitern. Literatur tut genau das: Sie überschreitet in ihren sich immer neu formierenden Textgestalten fortwährend Einzäunungen und verhandelt dabei die Verschiebung, Aneignung und Verfestigung von Welt.
Das Gespräch über Literatur und Sprache hat bei uns in der Evangelischen Akademie im Herbst traditionell seinen festen Platz. Es freut uns sehr, dieses Jahr erneut mit dem Textland-Literaturfest kooperiert zu haben, das unter der Leitung von Ulla Bayerl und ihrem Team zwei Tage lang Panels zum Motto „Über Grenzen“ auf die Beine gestellt hat. Zu Gast waren Autorinnen, Lyriker und Spoken-Word-Artists wie Nora Osagiobare, Olivier David, Antje Rávik Strubel, Cemile Sahin und Miedya Mahmod.
Die Aufzeichnungen aller Programmpunkte stehen nun exklusiv auf unserem YouTube-Kanal bereit. Unten finden Sie die Übersicht der einzelnen Videos – teilen und empfehlen Sie sie gern weiter! Besonders an diesem verregneten Wochenende, an dem das Wetter uns Grenzen setzt, der Kopf aber umso offener für Anregungen ist.